Roland Schnell (Dipl.-Chem.)

Ökologisehe Abfallwirtschaft

Ein Beitrag zur Definition von Aufgaben und Methoden

Der Begriff der "ökologischen Abfallwirtschaft" wird schon geraume Zeit verwendet, ohne daß dieser Begriff bereits mit den entsprechenden Inhalten gefüllt worden wäre. Schlagworte, wie "Abfallvermeidung" oder Parolen, wie "Recycling ist keine Lösung", die beispielsweise beim Kongreß "Ökologische Abfallwirtschaft1 Anfang Dezember an der Technischen Universität Berlin die noch ausstehende Begriffsbestimmung ersetzen sollten, sind ebenso unumstritten, wie unzureichend.

Das Adjektiv "ökologisch" wird bereits in Verbindung mit verschiedenen Disziplinen der Wissenschaft angewandt, um eine besondere Methodik der wissenschaftlichen Arbeit oder ein besonderes Forschungsinteresse zu signalisieren. So gibt es bereits Institute für "ökologische Wirtschaftsforschung", für "sozial-ökologische Forschung" oder für "ökologisches Recycling". Darüber hinaus gibt es als Dachverband eine "Arbeitsgemeinschaft ökologischer Forschungsinstitute". Die praktische Arbeit dieser, in der Regel privaten, Einrichtungen zeigt, daß sie "ökologisch" keineswegs als die Einengung des Begriffs auf eine Teildisziplin der Biologie verstehen, wie es konservative Kreise bevorzugen, sondern daß sie damit, über den Gegenstand der wissenschaftlichen Arbeit hinaus, auch eine bestimmte Haltung im Bezug auf die Anwendung und praktische Umsetzung ihrer Forschungen verbinden.

Ausgehend von der mittlerweile unbestrittenden Gefährdung des Lebensraums der Menschen auf der Erde durch Handlungen von Menschen bedeutet ökologische Forschung sich nicht auf die Messung und Analyse dieser Gefährdungen zu beschränken, sondern bei der Verminderung und Beseitigung der Gefährdungen aktiv mitzuwirken. Das bedeutet, daß ökologische Forschung notwendigerweise interdisziplinär ist, jeder Wissenschaftler gezwungen ist, über den Tellerrand des eigenen Fachgebiets hinauszublicken und sich gesellschaftspolitischen Diskussionen stellen muß. Das ist im Bereich der ökologischen Forschung eigentlich kein Streitpunkt, da historisch gesehen, die ökologische Forschung in ihrer derzeitigen Form aus der gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung um die Kernenergie hervorgegangen ist.

1) Zu den Elementen der ökologischen Forschung gehört das Bestreben, die Dinge möglichst ganzheitlich zu betrachten, um möglichst alle Wechselwirkungen eines Produkts oder einer Dienstleistung mit der Umwelt beschreibend und bewertend zu erfassen. Methoden, wie die „Produktlinienanalyse" oder die „Ökobilanzen" beanspruchen, den gesamten Stoffaustausch von der Rohstoffgewinnung bis zur Abfallbeseitigung einzubeziehen. Auch beim „ökologischen Stadtumbau" oder bei der "ökologischen Umgestaltung" von Bürobetrieben, bis hin zum „Öko-Putzschrank" wird immer der Komplex der Abfallbeseitigung miteinbezogen.

Es stellt sich die Frage, ob es einen tatsächlichen Bedarf für eine „ökologische Abfallwirtschaft" gibt.

Abfallvermeidung ist als Forderung unwidersprochen anerkannt und kann zudem, auch das ist unumstritten, nur im Bereich der Produktion wirksam durchgesetzt werden. Wenn es an der praktischen Umsetzung der Abfallvermeidung fehlt, so scheint eher eine Angelegenheit der erfahrenstechnik, der Konstruktionstechnik, der Logistik oder des Marketings zu sein. Die „abfallfreie Produktion" oder „100 prozentige Wiederverwertung" werden bereits als machbare Utopie gehandelt.

Die Natur kennt den Abfall sehr wohl

Viele der Vorstellungen über eine künftige, abfallfreie Epoche als höhere Entwicklungstufe der Menschheitsgeschichte speisen sich aus naiven und romantischen Vorstellungen über die Natur. „Die Natur kennt keinen Abfall" hört man häufig in Diskussionen über Abfallprobleme, wobei die perfekt ineinandergreifenden Verwertungskaskaden der biologischen Natur als Modell für eine „Kreislaufwirtschaft" gesehen werden.

Tatsächlich beruht die Industriegesellschaft auf der Ausbeutung von Abfällen, die von Natur in Jahrmillionen abgelagert worden sind. Die Stein-und Braunkohlevorkommen sind Pflanzenreste, die der 100prozentigen Verwertung, also dem Abbau zu Kohlendioxid, seinerzeit entzogen wurden. Öl, Kalk oder Salz, die Grundlagen der Chemischen Industrie wurden aus dem Kreislauf der Natur ausgekoppelt und würden noch weitere Jahrmillionen unverändert liegen, wenn sie nicht durch menschliche Tätigkeit abgebaut und wieder in den Kreislauf eingespeist würden.

Insbesondere thermodynamische Überlegungen2 sprechen gegen eine abfallfreie Wirtschaftsweise. Die fast vollständige Wiederverwertung der organischen Stoffe ist nur möglich durch die ständige Zufuhr von Sonnenenergie, wobei sich der Fusionsreaktor Sonne in einen unvorstellbar großen Abfallhaufen verwandelt, dessen schadlose Beseitigung ein ungelöstes Problem darstellt. Die unbegrenzte Wiederverwertung von Stoffen ist praktisch nicht durchführbar, weil es besipielsweise mit einern ungeheuren Energieaufwand verbunden ist, die fein verteilten Metalle anzureichern und wiederzugewinnen, die in Abwässern und Schlämmen durchaus nachweisbar sind. Derartige Emissionen lassen sich zwar noch in hohem Grade vermindern, aber bedingt durch unvermeidbare Abnutzungserscheinungen niemals auf Null reduzieren.

Es ist nicht nur möglich, sondern durch die abnehmenden Rohstoffvorkommen unvermeidlich, den Stoffaustausch mit der Natur zu beschränken. Man muß sich aber klar darüber sein, daß weitergehendes Recycling in der Regel mit höherem Energieverbrauch verbunden ist, der ebenfalls seine natürliche Grenze in Menge der nutzbaren Sonnenenergie hat. Es wird also immer Stoffgemische geben, die noch Wertstoffe enthalten, deren Aufarbeitung mit den aktuell bekannten Techniken aber nicht sinnvoll ist. Der größte Teil davon wird sicher in den Bereich der Sonderabfälle gehören, aber auch beim Konsumabfall wird sich immer die Frage stellen, in welchem Umfang eine getrennte Sammlung und ein Rücktransport noch verantwortet werden kann. Es wird also immer Abfallstoffe geben, die nach einer geeigneten Behandlung sicher abgelagert werden müssen. Die Kenntnisse und Erfahrungen über das Verhaltens von Abfällen und das Wissen über dabei mögliche Gefährdungen der Umwelt bilden den Kern, um den sich die weitergehenden Fragestellungen der „Ökolgische Abfallwirtschaft" anordnen.

Verantwortlicher Umgang mit unvermeidlichen Abfällen

Diese Aufgabenstellung für eine ökologische Abfallwirtschaft scheint nichts grundsätzlich neues zu sein. Die jeweils anfallenden Abfälle zu sammeln, abzutransportieren und zu beseitigen ist die klassische Aufgabe der Abfallwirtschaft, die seit jeher auf ihre zivilisatorische Leistungs stolz ist, die Städte vor unhygienischen Zuständen zu bewahren. Dennoch gibt es grundlegende Unterschiede, die eine "ökologische Abfallwirtschaft" von dem unterscheiden, was heute als Abfallwirtschaft bezeichnet wird und so auch als Ingenieurwissenschaft an verschiedenen Hochschulen in der BRD gelehrt wird.

Die verschiedenen Entwicklungsstufen der Abfallwirtschaft sind im Bild 1 dargestellt.


1.) Abfall-Beseitigung-Technik

Das Selbstverständnis dieser Entwicklungsstufe läßt sich am besten mit dem Spruch „Der Dreck muß weg" charakterisieren, den man auch heute noch von Abfalldezernenten und Fuhrparksleitern hören kann. Die modernere und elegantere Formulierung lautet „Garantie der Entsorgungssicherheit3)" und bedeutet faktisch, daß die entsorgungspflichtige Körperschaft Vorkehrungen treffen muß, um alle jetzt und in Zukunft anfallenden Abfallmengen wegschaffen zu können. Die Vorstellung, die Abfälle in Menge und Zusammensetzung beeinflussen zu wollen wird von Seiten der für die Abfallwirtschaft Verantwortlichen als so unzulässig angesehen, daß nicht einmal Überlegungen angestellt werden, wie eine solche Beeinflussung rechtlich und technisch machbar wäre.

Die Folgen sind auf der einen Seite Überkapazitäten bei Abfallbehandlungsanlagen, die ja für zukünftige Entwicklungen gerüstet sein müssen und auf der anderen Seite immer wieder Probleme mit Schadstoffen, die scheinbar unvorhersehbar auftreten (Schwermetalle im Kompost, Dioxine in der Müllverbrennung, AOX im Klärschlamm)

Es findet kein Informationsaustausch zwischen Produktion und Abfallbeseitigung statt. Die Produktion erfolgt ohne Rücksicht auf die Abfallbeseitigung und diese wiederum muß ohne die Informationen auskommen, die in der Produktion ohnehin anfallen: Menge und Zusammensetzung von Abfällen müssen nachträglich und aufwendig ermittelt werden.

2.) Sekundär-Rohstoff-Wirtschaft

Abfallstoffe werden in der Regel immer dann als Rohstoffquelle entdeckt, wenn fossile Rohstoffe entweder knapp oder teuer sind, wobei der Preis immer nur ein Ausdruck der kurzfristigen Verfügbarkeit ist und nicht die langfristig vorhersehbare Erschöpfung von Lagerstätten wiederspiegelt. Die Verwertung von Abfallstoffen wieder aufgegeben und oftmals vergessen, wenn die Rohstoffquellen wieder zugänglich sind. So ist es in der Zeit der Mangelwirtschaft während und nach den Weltkriegen geschehen und so geschah es in der Zeit nach der Ölkrise, als die bekannten Prognosen des „Club of Rome" für kurze Zeit nachvollziehbare Realität wurden.

In der Sekundär-Rohstoff-Wirtschaft wird der Abfallwirtschaft die Aufgabe übertragen, aus dem Abfallstrom die Bestandteile heraus zu sortieren, die noch einen Wert besitzen, weil sie fossile Rohstoffe ersetzen können. Obwohl hierbei ein offenes System teilweise in einen Materialkreislauf verwandelt wird, findet der Informationsfluß nur in einer Richtung statt. Die Qualitätsansprüche an die Sekundär-Rohstoffe werden allein von den Interessen der Produktion aus definiert und orientieren sich an den Normen für fossile Rohstoffe. Von der Abfallwirtschaft wird verlangt, diese Normen durch geeignete Trennsysteme einzuhalten, wenn sie wenigstens einen Teil ihrer Abfälle einer Wiederverwertung zuführen will. Eine Beteiligung der Abfallwirtschaft an der Gestaltung der Produkte findet nicht statt, selbst wenn dadurch das Recycling vereinfacht würde.

3.) Ökologische Abfallwirtschaft

Der entscheidende Schritt beim Übergang zur ökologischen Abfallwirtschaft besteht darin, die Beziehung zwischen Produktion und Abfallbeseitigung von einem linearen System zu einem Regelkreis zu ergänzen. Der Regelkreis ist durch das Prinzip der Rückkopplung von Information charakterisiert, das es einem System ermöglicht in einem stabilen Zustand zu bleiben, der auch nach Einwirkung äußerer Störeinflüsse wieder erreicht wird.

Die Abfallwirtschaft hat sich bisher kaum darum gekümmert, welches die wahren Ursachen für ihre Probleme sind und folglich auch nie versucht auf diese Ursachen Einfluß zu nehmen. Ein Teil der derzeitigen Probleme bei der Abfallbehandlung kann statt durch immer aufwendigere technische Anlagen, wie etwa eine Müllverbrennungsanlage mit Rauchgasreinigung, Entschwefelung, Entstickung, Flugstaubbehandlung usw., durch eine Beeinflussung des Abfallstroms solange er noch nicht in der Mülltonne ist, gelöst werden.

Abfallvermeidung ist dabei die radikalste Methode, die aber nicht immer angewandt werden kann.

Praxis der ökologischen Abfallwirtschaft

Die ökologische Abfallwirtschaft gibt es noch nicht als fest umrissene Disziplin der Ingenieurwissenschaften, was aber nicht ausschließt, daß Methoden der ökologischen Abfallwirtschaft bereits bewußt oder unbewußt angewandt werden. Unter dem Druck von Bürgerinitiativen, die gegen den Bau von Müllverbrennungsanlagen und Deponien Widerstand leisten, und angesichts des ständig konstatierten "Entsorgungs-Notstands" sehen sich immer mehr Verantwortliche für die Abfallwirtschaft gezwungen, Elemente der ökologischen Abfallwirtschaft anzunehmen. Dabei spielt sicher auch eine Rolle, daß Fachleute aus der "ökologischen" Richtung zunehmend als Ingenieure beratend und planend tätig sind und durch politische Parteien, insbesondere „DIE GRÜNEN" in der Kommunal-, Landes-und Bundespolitik alternative Konzepte Eingang in die offizielle Politik finden konnten.

Der erste und entscheidende Schritt besteht darin, sich zu weigern allen Müll, wie er kommt, hinzunehmen und wegzuschaffen. Bereits das wird häufig als Verstoß gegen das Prinzip der Entsorgungssicherheit verurteilt, um weitere Schritte in Richtung ökologische Abfallwirtschaft zu verhindern. Es gibt aber bereits eine wachsende Zahl von Landkreisen, die ihre Planung bewußt auf sinkende Abfallmengen ausrichten.

Der zweite Schritt besteht in einer genaueren Untersuchung der Abfallmengen und der Abfallzusammensetzung. Trotz einer aufwendigen bundesweiten Hausmüllanalyse und zahlloser Sortieranalysen kleineren Umfangs besteht noch ein großer Mangel an Daten im Bereich der Gewerbeabfälle. Hier nutzen pauschale Angaben wenig, sondern es müssen die Verhältnisse vor Ort untersucht werden. Alle größeren Städte, bei denen durch politsche Veränderungen ein Einstieg in eine ökologische Abfallwirtschaft möglich wurde, haben großangelegte Gewerbemüllanalysen in Auftrag gegeben. Die differenzierte Abfallanalyse ist zwar eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für eine ökologische Abfallwirtschaft, die daran zu messen ist, wofür die ermittelten Daten verwendet werden.

Der dritte Schritt besteht deshalb in der Auswertung der Daten und in der Festlegung von Maßnahmen, die aus dem klassischen Arbeitsfeld der Abfallwirtschaft hinaus in den gesamten gesellschaftlichen und politischen Bereich vor der Mülltonne wirken müssen. Dabei ist es nur selten möglich unmittelbar in den Bereich der Produktion einzuwirken, da die Warenproduktion eine so mächtige Position einnimmt und so zentralisiert ist, daß eine einzelne Stadt oder ein einzelner Landkreis nur wenig ausrichten können. Der Einfluß beschränkt muß sich deshalb bislang auf Empfehlungen von abfallärmere oder recyclingfreundlicheren Alternativen beschränken.

Das Arbeitsfeld der Abfallberater, die diesen Prozeß unterstützen sollen, liegt im Bereich der Privathaushalte, der öffentlichen Verwaltungen, die als Vorbilder verangehen sollen, und der kleineren Gewerbebetriebe. In diesen Bereichen sind zweifellos Erfolge erzielt worden, die beweisen, daß Abfallprobleme auch ohne Großtechnik angegangen werden können.

Ein Überblick über die bisher mehr oder weniger erfolgreich und flächendeckenden Maßnahmen zeigt, daß die Methoden der ökologischen Abfallwirtschaft zunehmend Anerkennung finden. Die Entgiftung von Hausmüll durch getrennte Erfassung von Schadstoffen vermindert Umweltbelastungen auch bei den traditionellen Abfallbehandlungsverfahen. In diesem Bereich sind die tiefgreifendsten Wirkungen bis in der Bereich der Produktion von chemischen Grundstoffen festzustellen: Anstelle der Abscheidung von Quecksilber aus dem Rauchgas der Müllverbrennung werden quecksilberhaltige Abfälle getrennt gesammelt oder durch quecksilberarme Produkte ersetzt: Batterien und Leuchtstoffröhren wurden als Quecksilberquellen erkannt.

Die Diskussion um die Rolle von PVC bei der Dioxinenstehung in MNüllverbrennungsanlagen führte bereits in einzelnen Kommunen zur Umstellung auf chlorfreie Werkstoffe bei Bodenbelägen und Fensterrahmen (4). Ein Trend, den die chemische Industrie offensichtlich als so gefährlich einschätzt, daß sie ein Konzept für einen geschlossenen Chlorkreislauf vorgelegt hat, bei dem Chlor aus der Müllverbrennung neutralisiert und als Salz wieder in die Elektrolyse zurückgeführt werden soll.

Während es bei der Schadstoffentfrachtung darum geht, geringe Mengen von Schadstoffen von der großen Menge des Abfalls fernzuhalten, handelt es sich bei der Verwertung von Biomüll um den entgegengesetzen Ansatz. Die organischen Abfälle stellen die größte Einzelfraktion des Hausmülls dar, die durch Biogasgewinnung oder Kompostierung verwertet werden kann, wenn sie schadstoffarm anfällt. Damit wird eine weit größere Entlastung der Deponien erreicht als durch das Wertstoffrecycling, das nur eine verhältnismäßig geringe Abnahme der Abfallmenge bewirkt. Durch verschiedene Lösungen, zwischen Eigenkompostierung und getrennter Erfassung mit mehr oder weniger zentralisierter Verarbeitung, wird versucht organische Stoffe zu einem Bodenverbesserungsmittel statt zu Abfall werden zu lassen.

Die Beispiele, wo Methoden der ökologischen Abfallwirtschaft in der Praxis angewandt werden, ließen sich weiter vermehren. Die verschiedenen Kongreße und Fachtagungen über "Abfallvermeidung" und die wachsende Fachliteratur zu diesem Thema bieten schon eine reichliche Menge an Material, das darauf wartet systematisch ausgewertet zu werden.

Kleine Schritte ohne umfassendes Konzept

Eine der größten Schwierigkeiten der "ökologischen Abfallwirtschaft" besteht in der wachsenden Unzufriedenheit, den ihre Vertreter individuell erleben und teilweise auch artikulieren. Welchen Sinn hat es, sich über die Vor-und Nachteile verschiedener Getränkeverpackungen zu streiten, wenn diese doch nur einen Bruchteil der gesamten Abfallmenge ausmachen und Haushaltsabfälle ohnehin nur eine Facette des Problems sind? Ein beliebter Buhmann der Ökobewegung, McDonalds weist in doppelseitigen Anzeigen vermutlich zu Recht darauf hin, daß seine Imbißketten nur wenige Promille des bundesdeutschen Mülls verursachen. Warum also gegen McDonalds oder ander Fast-Food-Ketten kämpfen, wenn das an den Millionen Tonnen Müll doch nichts ändert. Die engagierten Abfallberater sehen keine signifikante Abnahme der Abfallmenge durch ihre Tätigkeit, was wiederum den Optimismus der Ingenieurbüros, die Vermeidungsprojekte planen sollen, dämpft.

4) Hierbei spielte auch das Verhalten dieser Werkstoffe im Brandfall eine Rolle. Näheres dazu in dem Materialien, die von der Stadt Bielefeld herausgegeben wurden.

Eine Reaktion auf diese Verunsicherung ist es, den Schlüssel für die Lösung des Abfallproblems in dem Bereich zu vermuten, mit dem man selber wenig zu tun hat und wo man selbst keinen Einfluß hat. Kommunalpolitiker verlangen nach Bundesgesetzen, der Bundespolitiker appelliert an die produzierende Industrie und beklagt die Konsumwut der Bevölkerung. Umweltschutzverbände und Parteien, die sich umweltbewußt geben wollen, meinen in einer Ökosteuer oder in ähnlichen Systemen die Lösung gefunden zu haben. Mit jedem neuen Lösungsvorschlag bauen sich neue Fronten auf und verzettelt sich die Diskussion weiter.

Die ökologische Abfallwirtschaft muß eine Antwort auf diese Verunsicherung geben, indem sie den Satz "Global denken -lokal handeln'! in der Form "In Systemen denken -in Komponenten handeln" umsetzt. Jeder kann an seinem Platz handeln und darf nicht die Verantwortung an andere abschieben4. Jede Maßnahme hat eine Wirkung, auch wenn sich die Wirkung nicht sofort und in Mg/a oder Mark und Pfennig zeigt. Die Abfallwirtschaft ist eng verzahnt mit allen Bereichen von Wirtschaft und Gesellschaft und die ökologische Abfallwirtschaft muß definieren, wo diese Wirkungszusammenhänge, aber auch wo die Schnittstellen sind.

Technische Verfahren und naturwissenschaftliche Analysenmethoden machen nur einen Teil der ökologischen Abfallwirtschaft aus. Sie muß sich, was von der bisherigen Abfallwirtschaft nicht als ihre Aufgabe betrachtet wurde, auch aus Publizistik, Pädagogik und Volkswirtschaft, um nur einige Bereiche zu nennen, Wissen übernehmen und integrieren können, was auch schon teilweise geschehen ist. Und nicht zuletzt muß die ökologische Abfallwirtschaft den Kontakt zu den gesellschaftlichen Kräften suchen und bewahren, die ihre Entstehung bewirkt haben, den Bürgerinitativen und umweltbewußten Konsumenten und Produzenten.

1Der Kongreß „Ökologische Abfallwirtschaft" wurde vom "Institut für ökologisches Recycling" organisiert und fand vom 30. November bis 2. Dezember 1989 in den Räumen der Technischen Universität statt.

2Näheres zu diesem Themenkomplex in Jeremy Rifkin "Entropie -Ein neues Weltbild" im Teil IV, Ullstein Sachbuch 1985, bzw. in dem Vortrag von Evelin Möller "ökologische Abfallwirtschaft -Möglichkeiten und Grenzen unter dem Blickwinkel der Entropieproblematik" beim Kongreß "ökologische Abfallwirtschaft.

3Dies ist die einzige Stelle, an der der Begriff "Entsorgung" verwendet wird, ein Begriff, der von der ökologischen Abfallwirtschaft möglichst nicht verwendet werden sollte, weil er schlicht falsch und irreführend ist. Stattdessen sollten die korrekten Begriffe „Abfallbehandlung" und „Abfallbeseitigung" benutzt werden.

4Eine relativ vollständige Zusammenstellung der Handlungsfelder und Aktionsmöglichkeiten finden sich im Konzept der SPD für eine umweltverträgliche Abfallwirtschaft, das im Buch "Abfallvermeidung -Stand und Perspektiven" dokumentiert wurde, ansonsten bei einer der Geschäftstellen der SPD erhältlich sein müßte.